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  Thesen zur Verfassungsanthropologie 

ichael Benedikt, Anton Winter

 

Präambel

 

Der Status der Würde des Menschen ergibt sich nach Kant aus dem Vermögen des Menschen zu seiner moralisch-ethischen Selbstbestimmung, mithin aus seiner Autonomie, indem diese an den je anderen anerkannt und angesprochen wird. Die notwendige Bedingung für die Achtung der Würde und ihre Unantastbarkeit besteht somit in der Eröffnung des Horizontes von Lebensmöglichkeiten an je anderen, im Eröffnen von Freiräumen, in denen die Degradierung unseres wechselseitigen Verkehrs auf das “do, ut des” überwunden werden kann. Einander in diese Freiräume stellend und sie gewährend definieren wir uns nicht als “animal rationale”, als “Säugetiere”, als “Mensch” oder “homo sapiens”, sondern begegnen wir uns als Personen, als intelligible Wesen. Unser Personsein bestimmt sich demnach durch das Zusprechen der Würde und nicht durch die Sicherung von Eigentum und Besitz, wohin der Gedanke der fraternité durch eine folgenreiche Wende der Französischen Revolution (der zerbrochene dritte Pfeil) umgebogen wurde.

Die zureichende Bedingung für die Würdebezogenheit unseres Gemeinwesens ist in der Anerkennung des Initiators der Freiraumgewährung als Person durch den Angesprochenen zu ersehen. Bleibt diese Anerkennung aus, so wird Würde verraten und verkehrt. Erst in der zurückgebenden Einantwortung des Zusprechens der Würde an den Initiator werden Freiräume so gestaltet, daß sie als solche, für andere sich unbegrenzt weiter öffnend, ausgewiesen und gesichert sind.

Dies verlangt, daß die eröffneten Freiräume seitens der Beanspruchenden durch alle wissenschaftlichen, technischen und institutionellen Barrieren hindurch dem Initiator zugesprochen werden. Ist beides erfüllt, so ist die Basis bereitet für

 

1. den Frieden,

2. für gelungenen Tausch,

3. für die Gleichgewichtung von horizontaler und vertikaler Arbeitsteilung,

4. für die Rückführung von Besitz und Eigentum auf ein vom Volk ausgehendes Lehen (Wir können keinen Besitz mit in den Tod nehmen!).

 

Die Eröffnung des Horizontes der notwendigen Bedingung der Würde des Menschen ist zugleich der Ansatzpunkt der “universitas” des Gattungswesens, womit die Manifestation des Friedens beginnt. Dieses Beginnen zeigt sich als Teilung der Gewalten mit entsprechender Valenz des Souveräns einer je größeren Gesellschaft. Dies könnte bedeuten, daß sich aus den bloßen vorläufigen Formen einer Charta, eines Grundrechtskatalogs oder eines zwischenstaatlichen Vertragswerkes sukzessive eine Form der Verfassung in der Gestaltung eines Dreikammersystems durchsetzt. Und zwar mit Rücksichtnahme auf das unterdessen auch seitens der EU akzeptierte (ursprünglich aus der christlichen Soziallehre stammenden) Prinzip der Subsidiarität: Was Gemeinden leisten können, ist nicht an Kreise oder Bezirke oder Landtage bzw. dem Bundesrat zu überlassen. Deshalb ist nicht nur eine schrittweise Abschaffung strehender Heere (Kant), sondern auch eine angemessene Hospitalität im Sinne eines abgestuften rechtes eines Wahlbürgertums von Gemeinde zu Kreis, Land zu Bund bzw. Staatenbündnis durchzusetzen.

Dies bedeutet allerdings die Verabschiedung der fehlgeleiteten Identifikation von Staat und Nation. Würde des Menschen bedeutet politisch, ein Staatenbündnis aus Staaten mit vielen Ethnien im Zeitalter anhebender Migration.

Wenn die Alternative gilt: Festung Europa versus Öffnung und zugleich Infragestellung von ökonomisch-militärisch-szientifischen Großblöcken, dann wählen wir um der Würde des Menschen willen eher eine sich ausbreitende aktive Neutralität als eine die Dignität vereinnahmende Großmacht.

Dignitäten sind Korrelate von Rechten und Pflichten mit sukzessivem Abbau von Sanktionen zugunsten von Solidarität.

Der dritten Kammer müßte eine historische, künstlerische und theologische Fundierung zugemutet werden.

Die zweite Kammer als ständestaatliche, syndikalistische oder räterepublikanische Form zentrifugaler Verantwortung bedarf einer neuen ethischen Verbindlichkeit einer sich aus Solidarität entwickelnden parteilosen Verantwortung im Sinne von Freiheit und Gleichheit.

Die erste, zentripetale Kammer hingegen hat die technologischen, institutionellen und die den abstrakten Tauschwerten entsprechenden Ideologien jeweils eine Dechiffrierung zugunsten des Wohles des Gemeinwesens zwischen Gemeinde und menschlichem Gattungswesen als verbindlich auf sich zu nehmen. Im Gleichklang dieser drei Systeme stehen die Bildungsinstitutionen in ihrer Differenziertheit zu Diensten. Diese Institutionen vermögen jedoch nicht, über ein Landes- oder Staatsgebilde bzw. Blockgebilde hinaus die universitas der menschlichen Würde in der Vielfalt der ethnischen Besonderheiten zu gewährleisten. Dies vermag nur eine entsprechende kritische Anthropologie im akademisch-universitären Kontext und deren authentische, verantwortliche politische Durchsetzung, vor allem seitens der Zivilgesellschaft.

 

Methodische Vorbemerkung

 

Die pragmatische Situation unserer sogenannten Lebenswelt führt uns in double-bind-Situationen und erscheint uns in nicht zu lösenden Knoten der Täuschung, Verkehrung, Verwechslung. In dieser lebensweltlichen Grenzsituation nach der Infragestellung der sogenannten bürgerlichen communio mei et tui originaria ist nun eine einzelwissenschaftliche Herangehensweise an diese Problematik unzureichend. Am Anfang des Nachdenkens über Auswege und Lösungen muß vielmehr eine philosophische Reflexion stehen.

Hinsichtlich unserer religiösen Haltung geht es nicht mehr um Selbstrechtfertigung oder die Erlangung einer Heilssituation, der wir entsprechen oder nicht entsprechen können, sondern angesichts der Säkularisierung der Formen des Theismus und der Atheismen um gesell­schafs­ethische Fragen. Damit gewinnen wir einen Ausgangspunkt, der über die biographische Situation hinausgeht. Die gesellschaftlichen Fragen sind radikaler als die bloße Motivation der Verzweiflung an der Inkongruenz zwischen der ästhetischen Methode und den ethischen Stadien.

Durch die Transformation des Denkens von Seinsbeständen (ontologia generalis) in das Begreifen der zwischenmenschlichen Verhältnisse (Relationen) von Besitz, Arbeitsteilung und Tausch in ihren Verwechslungen, Verkehrungen und Täuschungen tritt die zeitgemäße Philosophie als anthropologia transcendentalis, als Wissenschaft des Übergangs in die Nachfolgeordnung unserer Krisengesellschaft auf. Das Substrat dieses Übergangs, mithin das organisierende bzw. integrierende Zentrum zukünftigen Weltbürgertums ist in der von Individualethik und Gesellschaftsethik zugleich zu bestimmenden Instanz des Unvordenklichen, Vorausgesetzten zu ersehen, wie es sowohl für Wissenschaft als auch für das Leben selbst anzunehmen ist.

Es ist mit Plato als das ‚pragma auto‘ in unseren Erkenntnis- und Handlungszusammenhängen aufzufassen. Gegenüber seiner Wirklichkeit versagt das Seinsdenken der ontologia generalis, das im Nihilismus und seinen politischen Spielarten des Staatsterrorismus, Faschismus, Nationalsozialismus und gegenwärtig des Casino-Kapitalismus endet. Dieser Weg des abendländischen Geistes in den Nihilismus war begleitet von der Abstraktifizierung der zwischenmenschlichen Relationen in Ökonomie, Institutionen und Kapitalverkehr, wodurch unsere technisch-industrielle Zivilisationsform in ihre Krise geriet.

Deren Lösung kann nur darin bestehen, die Versuche der Bestimmung des Unvordenklichen, des „Urwesens“ nach Kant, aufzugeben und stattdessen die Spur des Wirkens des Unvordenklichen in unseren zwischenmenschlichen Relationen aufzusuchen und in diesem Wirken selbst sein ‚Sein‘ zu entdecken. Das Unvordenkliche, Vorausgesetzte gilt es also nicht im Reden über seine Wirklichkeit zu verstellen und zu pervertieren, sondern ihm aus der Erfahrung seiner Wirksamkeit Eingang in die Gestaltung unserer konkreten zwischenmenschlichen Relationen von Arbeitsteilung, Tausch und Besitz zu verschaffen.

 

Thesen

 

1. Die bloße Berufung auf die „gemeinsamen Wertvorstellungen aller Gesellschaften“ destruiert, auf Dauer gesehen, das aus zwei Weltkriegen hervorgehende, mühsam errungene europäische Gemein­wesen. Selbst in ihrer gesamten Summe gedacht, fehlt den „Werten“ die ihnen zugedachte integrierende Kraft, weil sie – zu Papier gebracht – Phrasen bleiben, Worthülsen, ohne Dignität auslösende Wirkung. Werte sind also antiquarische Kulturnormen (im Sinne des „Wir schätzen Werte“ – des Wr. Dorotheums.)

Die Gewinnung neuer Solidarität – statt der zerbrochenen fraternité von 1791 – liegt allein in der Vorwendung auf die Würde des Menschen, deren Unantastbarkeit nicht nur im deutschen Grundgesetz garantiert ist, auch die Wiener Erklärung nach der UN-Weltkonferenz über Menschenrechte 1993 stellt z. B. an die Spitze „die Anerkennung und Bejahung der Tatsache, daß sich alle Menschenrechte aus der Würde und dem Wert herleiten, die der menschlichen Person innewohnen, ...“ Der – wegen seiner Wirkungs­losigkeit und Täuschung (Werte als Stellvertreter für versteckte Zwecke) – vergebliche bzw. zynische Rückgriff auf „Werte“ wird Europa nicht aus den Folgewirkungen der Weltkriege (in Technik, Institutionen, Ökonomie und den Wissenschaften) herausführen. Erst eine Verfassung auf der Basis einer integrativen, dynamischen, politischen, (also nicht pars pro toto-) Anthropologie schafft die Voraussetzung für die Bewahrung des europäischen und globalen Lebensraumes in einer Frieden erwirkenden Gesellschaft.

Die Initiative „Vertrag von Wien“ will auf akademischem Boden in einer unverkürzten politischen, kritisch und universell ausgerichteten transzendentalen Anthropologie die Voraussetzung für die Erstellung einer europäischen Verfassung klären und diese in einem Gespräch unter der europäischen Bürgerschaft erarbeiten.

Die Spannung zwischen der „community of investigators“ und der politischen Gewaltentei­lung wird in diesem Gespräch in einer Neubestimmung der Funktion gesellschaftlicher Rationalität und ihrer republikanischen Verankerung aufzulösen sein. Dies bedeutet, insbesondere die Rolle der Medien (Massenkommunikation) wie der Informationstechnologie und ihrer vernetzten Systeme als Instrumente der Bildung gesellschaftlicher Vernunft im Zeichen von Aufklärung als reflexiver Modernisierung zu begreifen und handhaben zu lernen.

 

2. Die politische Union Europas bedarf eines Gründungsdokumentes (Verfassung), das originär von dem einzig zuständigen Souverän, der europäischen Bürgerschaft, zu erarbeiten und zu erstellen ist. In der Bereitschaft der politischen Elite, diesen Prozess der Erarbeitung der „Verfassung Europas“ aus der Mitte der Unionsbürgerschaft – auch nach der bevorstehenden Ratifizierung des „Vertrags von Lissabon“ – offensiv zu unterstützen, zeigt sich deren Ernsthaftigkeit hinsichtlich des demokratischen Ideals. Die zukünftige Verfassung der politischen Union Europas als bloße Festschreibung der Folgen der Wirtschafts- und Währungsunion und ihrer Dynamik wird früher oder später ein verfehltes Ergebnis zeitigen. Denn die Reduzierung des Gemeinwesens auf dessen wirtschaftliche Belange und deren (militärische Sicherung) verhindert die ethische Orientierung der Gesellschaft nach dem Gemeinwohl in der Perspektive einer friedensfähigen Weltgesellschaft.

 

3. Die Aufgabe der Universitäten, Akademien und Bildungseinrichtungen überhaupt, besteht hinsichtlich der Reform unserer Gesellschaft zu ihrer weltbürgerlichen Verfaßtheit darin, ihrerseits die „universitas“ in den Intentionen von Lehre und Forschung dort, wo sie verloren ist, wiederzu­gewinnen, bzw. in permanenter Abwehr von Verengungen zu bewahren, worin die epochale Aufgabe der Universitäten und Akademien Europas etwa in einem „Interuniversitären Zentrum für Kritische Anthropologie, Praktische Humanökologie und Gesellschaftsethik“. Um deren konsistente Basis zu erstellen, ist die Erste Wiener Schule der Philosophie (Schlegel, Günther, Zimmermann, Brentano, Müllner) gemäß der Interpretation Alois Dempffs mit der Zweiten Wiener Schule (Wiener Kreis – Verein Ernst Mach) zusammenzubringen. Hauptansatzpunkt und Kreuzungs­punkt ist die Secession zwischen der Brentanoschen Psychologie und Bolzanos Ideenlehre. Diese für die Grund- und Integrativ­wissenschaften fruchtbare Spannung haben die beiden Wiener Schulen gemeinsam. Diese Gemeinsamkeit in einer „transzendentalen Anthropologie“ zu fundieren, die keine bloß theoretische ist, sondern eine pragmatische Dimension hat. Das pragma auto, das – von Plato als unaussprechlicher Gedanke bezeichnet – die wechselseitige Solidarität meint, ist hinsichtlich der fundierenden Konzeption der anthropologia transzendentales als Ideal auszulegen, das nur scheinbar am weitesten von der Erfahrung entfernt ist. Diesen Schein gilt es aufzudecken und daran die Universalität des weltbürgerlichen Gedankens in die Organisation des Universalen in den Fakultäten einzugliedern. Die anthropologia transcendentalis stellt somit das Herz der Grund- und Integrativ­wissenschaften dar und somit der Universität.

 

4. Die Organe der Europäischen Union sind hinsichtlich der europäischen Verfassung als vorläufige Lösungen zu betrachten. Es geht nicht darum, diese in einem Gründungsdokument rückwirkend zu legitimieren. Ihre Rechtmäßigkeit ist hinsichtlich des Verfassungskonsenses als zur Disposition stehend zu betrachten. So wird etwa die „erste Säule“ der europäischen Union (Gemeinschaftsrecht, Europäische Gemeinschaft) in seiner Funktion als wesentlicher „Motor“ der Integration nach Durchführung der Wirtschafts- und Währungsunion zu ersetzen sein durch das Prinzip der aus der Vereinbarung der Verbindlichkeit der Würde des Menschen resultierenden Gesellschaftsgestaltung.

 

5. Die in „Verdrängter Humanismus – Verzögerte Aufklärung“ vorliegenden For­schungen zur österreichischen Philosophiegeschichte ergeben die Umrisse einer Voll­anthropologie, die als Fundament einer Verfassung des Vielvölkerstaates Österreich-Ungarn diesen überlebensfähig gestaltet hätte („pax austriaca“), was jedoch versäumt wurde. Die Europäische Union ist hinsichtlich des Zieles einer politischen Union vor die vergleichbare Problematik des fehlenden anthropologischen Fundaments gestellt.

 

6. Die „pax austriaca“ beruht in ihrer Ausführung auf der Kenntnis des anthropologischen Grundgesetzes („transzendentales Ideal“):

Menschsein bedeutet, dieses an den jeweils Nächsten, Anderen, Ausgeschlossenen unter Absehen von sich hervorzubringen („homo homini sit deus“) – durch Verständigung und Zusammenarbeit in ausgeglichener Wechselbezüglichkeit.

Wird diese Korrelation verkehrt, also der Zweck des Handelns in ein „Selbst“ verlegt („homo homini lupus est“), so ist die Folge Not, Verelendung, Krieg.

 

7. Das anthropologische Grundgesetz erfährt in der Kritischen Anthropologie seine umfassende Ausfaltung. Die von seiner Geltung getragene akademische Arbeit gestaltet sich darin autonom und erlangt dadurch ihre Fähigkeit zu fruchtbarer internationaler Kooperation. In den Universitäten garantiert die Kritische Anthropologie deren wahrhaftige „universitas“, indem sie als Kern der Grund- und Integrativwissenschaften (Philologie, Geschichte, Sozialwissenschaft, Ästhetik, Ökologie) den Komplex von Wissenschaft und Forschung hinsichtlich der Lebensbedingungen der zivilisierten Welt und ihres problematischen Überganges in eine ethische Weltgesellschaft in der Entbindung von schöpferischer Verantwortung und in der Impulsierung von individuellen Initiativen fruchtbar zu machen vermag.

 

8. Angesichts der durch den Ersten Weltkrieg verzerrten Neuordnung auf Weltebene und der daraus resultierenden Fortsetzung des Krieges und im Hinblick auf die jüngsten Regionalkonflikte wird man sagen müssen, daß die Verfügungen des Völkerbundes ebenso wenig für den Schutz des Einzelnen wie die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte gerade nicht sehr viel zur kollektiven Sicherheit beigetragen haben: Ein im Zeitalter der sich von unseren Zwecken abstrakt ablösenden Ensembles von Mitteln, der Technik, der Institutionen, der Kapitalstrukturen, zuletzt der Informationsmonopole stellt aber darüber hinaus nunmehr eine ungleich härtere und schwerere Aufgabe zur Sicherung eines altruistisch orientierten Gemeinwesens dar als die Herausforderungen, welche den aufgeklärten Despotismus des 18. Jahrhunderts zum Handeln bewog.

 

9. Aus der Kenntnis unserer österreichischen Tradition haben wir nicht bloß ein Eigenleben, vielmehr eine bestimmte Position der Erfassung des Weltbürgerlichen. Dies wird dann akut, wenn es um die Verwirklichung des Ideals des Friedens mit Bezug auf ein verschiedentliches, in Gleichheiten von Ungleichheiten vermitteltes und vereintes Europa geht; der Beginn ist hier und jetzt, trotz aller gewaltigen Schuld, die uns als Nachfahren der staatlichen, kameralistischen, kirchlichen Umtriebe beherrscht, diese ehedem große Welt von uns her in aktiver Neutralität mitzugestalten.

 

10. Wir stehen im Zeichen des Verrats der universitas durch die früheren Gelehrtengeneration (Christen segneten die gegen ihre Glaubensbrüder gerichteten Waffen, die Sozialisten verließen die Internationale, ...). Hinsichtlich des werdenden Europa ist es an der Zeit, von dieser Generationenfolge, die vom Krieg profitiert hat, Abschied zu nehmen und für die künftigen Generationen Wege zu bereiten, auf denen sich deren Friedenswille in einem Maximum an Friedenstätigkeit verwirklichen kann. Dieses Ziel wäre als Auftrag von den akademisch gebildeten Bürger anzunehmen und im Zusammenspiel mit der allgemeinen Bürgerschaft anzustreben.

 

11. Hinsichtlich der Aufbereitung des wissenschaftlichen Hintergrundes der europäischen Verfassung ist die Dimension des Doktrinalen nicht aufzugeben; sonst ist Wissenschaft, Lehre und Forschung nicht frei (Staatsgrundgesetz 1867, Artikel 17).

Dies umfaßt:

a)  die Einheit der kritischen Befragung in den Instanzen der Methoden;

b) die Authentizität des anthropologischen Ansatzes: Anthropologie ist weder Geistes-, noch Natur-, noch Gesellschaftswissenschaft, auch nicht auf deren „Zusammen­schau“ zu reduzieren,

c)  den Übergang aus der problematischen Wertegemeinschaft in eine Relevanzen-Zivilisation, die auch eine durch „fringes“ verbundene Zivilisationsmannigfaltigkeit sein kann, in der die Verbindlichkeit der Dignität des ethischen Gemeinwesens gewahrt ist.

Nur dies kann den ersten Ansatz zu einer strengeren, ernsteren und verbindlicheren Lösung der Frage nach dem Sinn (Frankl, Ringel) bringen. Im weiteren wird dies nicht ohne permanente Spannung zwischen den Beweisen der Unmöglichkeit der Existenz Gottes auf der einen Seite und der Mittäterschaft in der Ökonomie der unvordenklichen Gottheit und der in sich differenten Struktur auskommen. Wenn also eine anthropologia transcendentalis als Vollanthropologie für eine Grund- und Integrativwissenschaft Geltung haben soll, muß sie auch die Last dieser neuen mittelbaren und nicht bloß mystisch zu fassenden Theologie und ihren Ausdruck in der Mittäterschaft der Menschen im Heilsplan Gottes auf sich nehmen und die Abwehr der falschen Deifizierung leisten, die sich über Technikinnovationen, Institutionsverselbständigung und Tauschpaktformen einnisten und zuletzt sich im Wahn, aus der perfekten Vernetzung der „community of investigators“ Fortschritt zu erwarten, bemerkbar machen.